Klimawandel im Beuysland
von Alfred Nemeczek

20 Jahre nach Beginn der Beuys-Aktion „7000 Eichen“ feiert Kassel das grüne Gesamtkunstwerk des Schamanen von Niederrhein

Kassel ist eine satt durchgrünte Stadt, aber keineswegs verwaldet. In ihren Parks und Gärten, an ihren Plätzen und Alleen wachsen im Jahr 2002 nicht mehr Bäume als vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals sollen es 16.000 gewesen sein. Wie viele es heute sind, vielleicht 12.000 - ganz genau weiß das niemand. Doch soviel steht fest: Ohne den niederrheinischen Künstler Joseph Beuys (1921 bis 1986) wären es bedeutend weniger.

Denn 1981, im Vorfeld der documenta 7, hatte der durch seine Skulpturen aus Filz und Fett berüchtigte Vorkämpfer der Grünen die Idee, die Stadt seiner bis dahin vier documenta-Auftritte um 7000 junge Laubhölzer zu bereichern - und zwar auf eigene Kosten. „7000 Eichen“ nannte er diese mit rund 4,3 Millionen Mark (2,2 Millionen Euro) bezahlte größte und folgenreichste Aktion seiner Karriere, bei der übrigens auch Eschen, Linden, Platanen, Robinien, Kastanien, Ahorne und sogar ein Gingkobaum gepflanzt wurden.

Das ist nun 20 Jahre her. Die meisten Stämme sind über sechs Meter hoch, und viele tragen prächtige Kronen. Und während sie für die Beuys-Literatur noch höher in den Künstlerhimmel ragen und auch der internationale Kunstbetrieb mit Neidsignalen nicht geizt, will Kassel die Aktion nach Schluss der Documenta 11 erstmals feiern. Nicht spektakulär, eher zünftig – mit einer Wanderung durch das lokale Beuysland. Denn nur zögernd schließt die Stadt Frieden mit einem Geschenk, das sie sich hart verdienen musste.

Den ersten Baumstamm hatte Beuys am 16. März 1982 vor dem documenta-Museum Fridericianum selber in die Erde geschaufelt; den letzten setzte sein Sohn Wenzel am 12. Juni 1987 daneben, gut ein Jahr nach dem Tod seines Vaters.

Zwischen diesen beiden Daten lagen Lehrjahre für die begünstigte Großstadt, aber auch für den Stifter. Doch bevor Beuys in die Krise geriet, waren die Kasseler davon betroffen. Verwirrt nahmen sie zur Kenntnis, dass die ökologisch sinnvolle Baumspende nicht nur mit formalen Bedingungen, sondern auch mit ideologischen Hintergedanken verknüpft war - und die wurzelten tief im Erweiterten Kunstbegriff von Beuys. Erstmals wollte ja der Künstler mit dem Projekt „7000 Eichen“ konkretisieren, was er unter „sozialer Skulptur“ verstand. „Die Bäume sind nicht wichtig, um dieses Leben auf der Erde aufrecht zu erhalten“, verkündete der Schamane: „Die Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten.“ Und: „Kunst ist die einzige Form, in der Umweltprobleme gelöst werden können.“

Auch aus diesem Grund verordnete der freundliche Mann, der seinen Borsalino-Hut nie abnahm, der Aktion noch einen Untertitel. Der klang wie ein kecker Slogan und war in Wahrheit politisch. Er lief auf eine sanftgrüne Machtübernahme hinaus: „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ dekretierte Beuys, und das meinte er absolut ernst.

Also legte der Verwalder unbequeme Spielregeln fest. Über jeden heranwachsenden Beuys-Baum sollte ein toter Zeuge in Gestalt einer daneben gesetzten Stele aus rohem Basaltgestein wachen. Das war nur konsequent, weil ja erst dieses Attribut die Pflanz- als symbolhaltige Kunstaktion kenntlich machte. Doch schon hinter der zweiten Vorgabe lauerte eine imperiale Geste: In drei Steinbrüchen bei Schlierbach, Beilstein sowie Linz im Westerwald ließ Beuys nämlich listig alle 7000 Begleit-Stelen auf einmal brechen und 1982 die geballte Ladung (Gewicht rund 2300 Tonnen) als quasi moralische Uhr des Projekts in Keil-Formation vors Kasseler Fridericianum legen. Nur als Eskorte für einen Baum sollte jeweils eine Stele dieses Basislager verlassen dürfen.

Prompt protestierte die Stadtverwaltung in Gestalt der CDU-Opposition gegen so viel „Verwaldungs“-Arroganz. Doch Hans Eichel (SPD), damals Kassels Oberbürgermeister, hielt Beuys den Rücken frei: Die „7000 Eichen“ galten als documenta-Kunstwerk und waren somit sakrosankt. Als jedoch nach Ende der documenta 7 noch immer gut 6000 Basaltsäulen das Stadtzentrum „verschandelten“ (CDU), wuchs der politische Druck. Zum Glück fehlte der Stadt das Geld, um die Steine irgendwo zwischenzulagern. So blieb das geniale Menetekel intakt.

Doch auch Beuys litt unter dem schleppenden Fortgang der Begrünung. Unwirsch akzeptierte er, dass sich Bäume nicht zu jeder Jahreszeit pflanzen lassen – und schon gar nicht im labyrinthisch verrohrten, verkabelten und mit Vorschriften gedüngten Erdreich einer Großstadt. Allein für die erfolgreiche Setzung von nur acht Platanen am Standort Diakonissenstraße/Goethestraße brauchte das von Beuys eingerichtete Koordinationsbüro seiner „Freien Internationalen Universität“ 1982 acht Monate. Aber dann waren auch wirklich alle zuständigen Dienststellen von Telekom, Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerken, von Planungs-, Tiefbau- und Stadtgartenamt konsultiert und sogar im Stande, eine Asphaltdecke zu beseitigen, auf der zuvor städtische Kübelpflanzen vertrocknet waren. Zwischen Ortswahl und finaler Entsorgung („Abfahren von Schutt und Asphalt“) lagen in aller Regel 14 Schritte - Einpflanzen unter Bürgerbeteiligung inbegriffen.

Recht bald schon zwang Geldmangel den Aktionskünstler zu bizarren Konzessionen. Den Anschub hatte die New Yorker Dia Art Foundation (heute: Dia Center for the Arts) finanziert; der Rest sollte durch Spenden von Privatleuten, Firmen und Institutionen des internationalen Kunstbetriebs herein kommen – 500 Mark (255 Euro) pro Baum. Doch der Spendenfluss stockte. Daher verkaufte Beuys Eichen-Poster und vermarktete – fünf Mark pro Zettel – sogar sein Autogramm. Er ließ sich die Kopie einer Zarenkrone schenken und schmolz ihr Gold während der documenta 7 öffentlich um. Der dabei entstandene „Friedenshase“ war dem Stuttgarter Sammler Joseph W. Froehlich immerhin 777 000 Mark (397 000 Euro) für das Baumprojekt wert. Anfang März 1985 zeigte die Kunsthalle Tübingen 34 von prominenten Beuys-Kollegen gespendete Werke (Verkaufserlös rund eine Million Mark), und am Ende desselben Monats entschloss sich Beuys zur Star-Rolle in einem TV-Spot, der in Japan, China, Korea und Kalifornien für Whisky der Marke Nikka Reklame machte: Für 440 000 Mark (225 000 Euro) zu Gunsten der Aktion, samt eingeblendetem Hinweis: „Joseph Beuys ist hier aufgetreten, seine ökologischen Unternehmen zu fördern.“

Gemessen am Drama der Geldbeschaffung verlief die eigentliche Pflanzkampagne holprig, aber relativ störungsfrei. Anfangs beschütteten Beuys-Konkurrenten den Steinhaufen mit rosa Farbe - und erhielten vom Künstler prompt die Reinigungs-Rechnung. Rabiatere Vandalen stahlen Stämme, warfen Basaltsäulen in einen Bach und knickten nachts auch schon mal 56 frisch gepflanzte Stämme. Andere bepinselten Beuys-Stelen an der Ludwig-Mond-Straße mit schwarzen Kreuzen, nachdem ein Motorradfahrer dort nach Kollision mit einem Auto an einem der Steine ums Leben gekommen war. Latenter Bürgerzorn gegen Beuys-Bäume als Parkplatz-Vernichter und zunehmende Duldung hielten sich schließlich die Waage. Und am Ende hatte – so damals ein Magistratsdirektor – „eine Art Stadtverwaldung in den Köpfen“ stattgefunden, bei der sich neben einsichtigen Behördenvertretern rund 2500 Bürger nützlich gemacht hatten. Aus Liebe zur Natur, nicht unbedingt zur Kunst, wie sich in den nächsten Jahren zeigte.

Erst mit Errichtung des siebentausendsten Baums war aus einer profanen Aufforstungs-Aktion das Kunstwerk „7000 Eichen“ geworden - ein physisch höchst amorphes, geistig jedoch homogenes Ensemble. Seine Erhaltung forderte Gespür für die Symbolik des Ganzen - und kostenträchtige Pflege im Detail. Zu beidem verpflichtete sich die Stadt, als sie 1987 das Werk von den Beuys-Erben als Geschenk akzeptierte.

Und ließ es trotzdem verkommen. Ohne böse Absicht fielen im Lauf der Jahre immer wieder Beuys-Bäume dem städtischen Bau-, Planungs- und Privatisierungsalltag zum Opfer; nicht alle wurden ersetzt. Einen Schwund von 350 Bäumen samt Stelen behauptete 1996 ein Gutachten des Kasseler Vereins „7000 Eichen“, das dem städtischen Gartenamt zudem Inkompetenz unterstellte: 74 Prozent aller verbliebenen Beuys-Gewächse seien unvorteilhaft „aufgeastet“.

Diese Horrormeldungen, zum Glück übertrieben, provozierten Gegenwehr und kurierten die herrschende Lethargie. Vehement verteidigten die Stadtgärtner ihre Methode, pflanzten nach, fochten die Zahlen an, und der Verein katasterte, auf EDV gestützt, nochmals nach. Und registrierte Anno 2001 nur etwa 50 Baumverluste. Auch der Magistrat erkannte Handlungsbedarf. Installiert wurde ein städtischer Beirat, errichtet wird demnächst ein Infozentrum „7000 Eichen“, und schon jetzt pflegt ein Spezialtrupp ausschließlich das Kunstwerk. Im Herbst ersetzt die Stadt den heute vom Kasseler Architekten Hans-Ulrich Plaßmann geleiteten „Eichen“-Verein durch eine Stiftung. Auch eine Beuys-Straße soll es bald geben.

Schönstes Indiz für den Klimawandel in der documenta-Stadt ist ein Zwischenfall, bei dem die Ur-Eiche vor dem Fridericianum drei Äste verlor. Ein Zirkus, dem sie im Wege waren, hatte sie ahnungslos absägen lassen. Damals, im Dezember 1999, protestierten alle Parteien. Nicht gegen Beschädigung des Baums, sondern gegen den Frevel am Kunstwerk „7000 Eichen“.

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